15. Juli 2019 – Tag 14 – Tag der Begegnungen

Ašhadu anna Muḥammadan rasūlu llāh. Mit diesen Worten weckt mich heute der Lautsprecher am Minarett auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das fühlt sich irgendwie komisch an. Da ich aber nicht verstehe, was da gebetet wird, stört es mich auch nicht.

Zeit für mein erstes Frühstück in Sarajevo. Nun beweist sich, dass ein Hotel im Stadtzentrum von Sarajevo, mit einem geschützten Parkplatz und inkludiertem Frühstück für unter vierzig Euro die Nacht irgendeinen Haken haben muß. In dieser Unterkunft ist es das Frühstück. Zwar ist der Automatenkaffee einigermaßen stark, das ist aber auch das einzige Highlight. Ich erwische zumindest noch ein Brötchen, eine abgepackte Butter und eine ebenfalls eingeschweisste Marmelade. Die Einzelteile versuche ich auf einem klebrigen Tisch zu einer Einheit zu formen.

Am Ende habe ich etwas im Magen. Das ist die Hauptsache. Dass das Frühstück unfassbar grauslig ist liegt nicht an Sarajevo. Vermutlich liegt es nicht einmal am Hotel. Eher tippe ich auf die schlecht gelaunte Servicekraft, die weder das Frühstücksbuffet auffüllt, noch die bereits benutzten Tische abräumt. Statt Platz für die nächsten Frühstücksgäste zu schaffen, plaudert sie lieber mit ihrer Kollegin. Aber wie gesagt – You get what you pay for, lieber Sascha.

Nach dem Frühstück versuche ich, mein Auto aus der Waschküche zu manövrieren. Ich habe ja den Subie gestern direkt neben der Hotelwaschmaschine abgestellt. Wieder rückwärts aus dieser engen Einfahrt herauszukommen ist kein einfaches Unterfangen. Ich versuche mich, so gut es geht an den Einschlagwinkel bei der gestrigen Einfahrt zu erinnern. Die praktikable Fahrspur ist zwei Zentimeter breiter als mein Auto. Ich treffe sie leider nicht ganz, und setze mit einem fies schabenden Geräusch am Schweller auf der Beifahrerseite auf. Eine Narbe mehr am Subaru. Ich leide körperliche Schmerzen.

Beim zweiten Versuch klappt es dann. Ärgerlich. Dummerweise war die Einfahrt so eng, dass ich sowieso nur mit eingeklappten Aussenspiegeln durchgepasst habe. Die fehlen dann eben beim rückwärts rangieren.

Ein neuer Tag. Und wieder Asphalt unter den Reifen.

Trotz Blessuren am Transportgerät mache ich mich auf in Richtung Sarajevo Airport. Dort befindet sich das War Tunnel Museum. Während der dreieinhalbjährigen Belagerungszeit Sarajevos haben die Bosnier einen Tunnel unter dem Flughafen bis außerhalb der besetzten Zone gegraben. Damit konnten Sie sich von außen mit Waren, Medikamenten und Gütern versorgen.

Hier war der Eingang in die Tunnelanlage, die das belagerte Sarajevo mit der Außenwelt verband.

Ich lausche einem ehemaligen Soldaten der bosnischen Armee. Zeizeugenberichte aus erster Hand sind unglaublich interessant, vor allem wenn die Dinge objektiv geschildert werden. Trotzdem wird mir bei der ein oder anderen Schilderung mulmig in der Magengegend. Zu diesem Zeitpunkt ist diese Führung mein Highlight von Sarajevo. Da war mir noch nicht bewusst, was der Tag sonst noch bringen wird.

Mitte der 90er Jahre war Sarajevo einer der gefährlichsten Flecken auf unserem Planeten!

Danach mache ich mich auf den Rückweg ins Hotel. Die übrigen Anlaufstellen befinden sich alle im Stadtzentrum, und sind locker fußläufig zu erreichen. Ich laufe hinein in die Altstadt, die mich gierig schluckt, und mich wie einen Pingpong-Ball zwischen tausenden Besuchern und Einheimischen unterschiedlichster Völker und Kulturen hin- und herspringen lässt. Irgendwann stehe ich mehr zufällig vor einem unscheinbaren Hauseingang mit einer Tafel “Museum of crime against humanity and genocide 1992 – 1995”.

Neugierig trete ich über die schwelle und befinde mich in einem schwarz getünchten Treppenhaus. Auch die Treppe ist schwarz. Ein komplett schwarzer Raum. Ich laufe die Treppe nach oben. Auch das Obergeschoss ist komplett in schwarz gehalten. Ich zahle 10 konvertible Mark Eintritt (eine lustige Währung übrigens – sie hat den Wert unserer damaligen D-Mark) und starte meine Besichtigung.

Nach fünf Minuten bin ich kurz davor wieder zu gehen. Bereits im ersten Raum werden derart schonungslose Bilder und Exponate gezeigt, dass mein Magen rebelliert. Das Museum zeigt ungefiltert die schlimmsten Greueltaten des Jugoslawienkrieges. Einiges davon kennt man in entschärfter Form aus den Fernsehberichten der neunziger Jahre. Große, hochauflösende Bilder von einem Dreijährigen dessen Torso mit abgerissenen Gliedmaßen in einer Blutlache liegt, nachdem er von den Schrapnellen einer Splitterbombe getötet wurde, das hat in der Tagesschau damals niemand gezeigt.

Aber genau das war die Realität, die die Einwohner Sarajevos über drei Jahre lang jeden Tag erfahren haben. Ich war dem Krieg und dem Leid noch nie so nah wie heute.

Es ist schwierig, und es wäre auch falsch, das hier im Detail niederzuschreiben. Ich kann nur jedem empfehlen, der sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte, nach Sarajevo zu kommen, und sich anzusehen, was damals passiert ist. Wer dann auch noch im entferntesten daran denkt, ein Krieg könnte die Lösung für was auch immer sein, dem spreche ich jeglichen Verstand ab.

Im Museum of crime against humanity and genocide – Das ist ein Bruchteil der Nachrichten, die schockierte und anteilnehmende Besucher hinterlassen haben.

Als ich das Museum verlasse zeigt die Uhr 15:37 – ich erinnere mich, dass um 15:45 Uhr am Platz des Nationalmuseums eine Führung unter dem Motto “War scars & new times” beginnt. Ein Blick auf den Stadtplan bestätigt, dass ich nur 800 Meter vom Treffpunkt entfernt bin. Schnellen Schrittes erreiche ich den Platz, und kann noch an der Führung teilnehmen.

Neben mir haben sich noch 25 weitere Touris eingefunden. Unser Guide ist weiblich, 30 Jahre alt und in Sarajevo geboren. Sie hat den Anfang der Belagerung als sechsjähriges Mädchen miterlebt, und bis zu ihrem zehnten Geburtstag in einer belagerten Stadt ge- und überlebt.

In den nächsten zwei Stunden führt Sie uns an verschiedene Punkte in der Stadt, und erzählt neben den Fakten jeweils auch Geschichten aus ihrem Leben und ihren Erinnerungen. Wir besichtigen unter anderem die Markthalle Sarajevos, in der eine einzige Granate 67 Menschen getötet und über 200 Menschen verletzt hat. Wir sehen Häuser, die heute noch die Schrapnellabdrücke und Einschläge in den Fassaden aufweisen. Als nächstes laufen wir zum Childhood Memorial, mit dem der über 1.600 Kinder, die während der Zeit der Belagerung Sarajevos getötet wurden, gedacht wird.

Danach gehen wir zur legendären Sniper Alley gegenüber des Holiday Inn Hotels. Dort wurde ein Graben aus Autos und Containern errichtet, durch den die Menschen halbwegs sicher hindurchrennen konnten, und sich vor den Sniperschützen in den Bergen verstecken konnten.

Dieses Haus steht inmitten der Sniper Alley und wurde hundertfach von Scharfschützen getroffen, die Jagd auf Menschen gemacht hatten.

Zum Hintergrund: Sarajevo liegt in einem Talkessel und ist von Bergen eingerahmt. Während der dreieinhalbjährigen Belagerung durch die Serben waren Sniperschützen in den Bergen verteilt, die ständig auf alle beweglichen Ziele geschossen haben. Nicht nur auf Soldaten. Sondern ganz bewusst auch auf Zivilisten. Ganz egal ob Mann oder Frau. Viele der Schützen haben auch spielende Kinder erschossen. Die Sniper Alley hat in dieser Zeit eine Menge Leben gerettet.

Wir gehen weiter zu der Brücke, an der am 19. Mai 1993 Admira Ismić und Boško Brkić auf offener Straße erschossen wurden. Wer die Geschichte nicht kennt, dem empfehle ich diesen Artikel.

Auf dieser Brücke wurden Admira Ismić und Boško Brkić im Mai 1993 auf offener Straße erschossen wurden

So oft und viel Gänsehaut wie an diesem Tag hatte ich noch nie in meinem ganzen Leben.

Während der Führung lerne ich <Name vergessen> kennen. Sorry dafür. Nennen wir ihn einfach Jonas, das könnte nämlich hinkommen. Jonas kommt aus Thüringen und ist seit einigen Tagen in Sarajevo. Er isallerdings nicht mit dem Auto hier, sondern mit dem Fahrrad. Ich dachte schon, ich sei ein wenig verrückt. Jonas fährt weiter über Montenegro nach Albanien, von dort in den Kosovo und nachMazedonien und dann weiter nach Istanbul. Irgendwann im Winter will er dann wieder zurück.

Direkt danach spreche ich mit Anne. Bei Frauen merke ich mir Namen irgendwie leichter. Anne kommt aus Australien und reist bereits seit Dezember durch Europa. Bergen in Norwegen und Sevilla in Spanien haben ihr bisher am besten gefallen. Auch sie ist ziemlich mitgenommen davon, was wir über die Geschichte Sarajevos erfahren.

Und dann ist da noch Khalil. Er kommt aus Casablanca / Marokko. Er ist seit heute in Sarajevo, und wir sind direkt auf einer Wellenlänge. Nach dem Ende der Führung laufen wir gemeinsam zurück zur Altstadt und haben bereits auf dem halbstündigen Weg viel zu erzählen.

Kurzerhand beschließen wir, noch gemeinsam im islamischen Viertel zu Abend zu essen. Khalil erzählt mir viel vom Leben In Marokko. Ich lerne, wie sich die islamische von der arabischen Kultur unterscheidet. Dass es in Marokko auch Bier gibt, genau wie bei uns. Und dass dort niemand verschleiert rumläuft, so wie beispielsweise hier in Sarajevo.

Zu allem Überfluss treffe ich dann noch zwei weitere Bekannte wieder, die ich bereits gestern kennengelernt habe. Sie sitzen plötzlich am Nebentisch. Wir tauschen auch hier die nächsten Reiseziele  aus und geben uns gegenseitig Tipps für gute Strände und Hotspots entlang der Küste.

Am Ende verbinden uns Khalil und ich noch über Facebook. Sollte ich einmal nach Marokko kommen, könnte er sich einige Tage frei nehmen und mir das Land fernab der Touristenpfade zeigen.

Auf dem Weg zurück ins Hotel fällt mir ein, dass ich noch nicht weiß, wohin meine Reise morgen früh überhaupt weitergeht. Trotzdem tippe ich zuerst diese Zeilen hier. Im Anschluss plane ich dann, in welche Gegend ich morgen früh aufbreche. Und ein Hotel sollte ich dann natürlich auch noch finden und buchen. 

Gefühlt werden die Texte hier von Tag zu Tag länger. Die nächsten Tage werden vermutlich der Rekonvaleszenz dienen, und sich hauptsächlich am Strand abspielen. Da geht das Lesen dann schneller. 🙂

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