12. Juli 2019 – Tag 11 – Gjirokastra, Syri i Kaltër und Butrint

Und schon wieder Freitag. Seit elf Tagen bin ich nun unterwegs im Süden Europas. Und mit jedem Tag verschmelze ich mehr mit der lockeren, schwerelosen Art hier. Nachdem ich gestern recht faul war, beginnt heute der Tag bereits um sieben Uhr. Frühstück um acht. Abfahrt um neun. Läuft.

Für heute habe ich mir einiges vorgenommen. Als ersten Ort tippe ich Gjirokastra ins Navi ein. Für 54 Kilometer erreichnet das Navi eine Stunde und vierzig Minuten. So schlecht können doch die Straßen eigentlich gar nicht sein. Unterwegs verstehe ich dann warum. Auf einem großen Teil der Bundesstraße herrscht Tempo 20! So ist das natürlich auch im Kartenmaterial des Navis hinterlegt, entsprechend rechnet das auch auf dieser Basis. Bei einer vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h erscheinen mir achtzig als angemessen. Den Albanern eher hundertzwanzig. Macht aber nichts, mittlerweile kann ich mich wie ein Profi auf der Straße unsichtbar machen. So können mich die Einheimischen überholen, ohne verzögern zu müssen. Interessierten erkläre ich gerne, wie das geht.

Gebirgspass in Albanien. Die rot eingekreisten Zahlen sind Richtwerte.

Nach einer knappen Stunde bin ich am Ziel. Gjirokastra liegt im Landesinneren, und die Straßen sind weit entfernt davon, wirklich schlecht zu sein. Wenn ich so zurückdenke, haben mir nur Leute vom katastrophalen albanischen Straßenzustand erzählt, die noch nie dort waren.

Klar, es gibt Schlaglöcher. Große Schlaglöcher. Wenn man da hineinfährt, ist die ADAC Karte Trumpf. Es gibt auch unzählige fehlende Kanalschachtdeckel. Mit Glück steckt dann eine Fahne im Schacht und man fährt drumherum. Meistens fährt man mittig drüber. Mehr mit Glück als mit Können. Trotzdem ist es bei umsichtiger und vorausschauender Fahrweise möglich, sich mit 70-80 Kilometern pro Stunde fortzubewegen.

Auf dem Weg nach Gjirokastra wurde ich auch ein mal von der Verkehrspolizei herausgewunken. Ich war in einer 50er Zone mit 65 unterwegs. Das erschien mir durchaus im Rahmen. Entsprechend habe ich auch nicht angehalten, sondern bin weitergefahren. Mein Hintermann hat angehalten. Somit hatten die Polizisten zu tun, und konnten mein Bakschisch von ihm mitkassieren.

Zurück zu Gjirokastra. Die Stadt ist seit einiger Zeit offizielles Weltkulturerbe. Wie überall wird auch dort wie verrückt gebaut und verschönert. Und es gibt eine große Burganlage mit Armeemuseum. Alles in allem wahnsinnig viel zu sehen, und definitiv einen Besuch wert. Alle Eintritte zusammen kosten (Stand 2019) 400 LEK, das sind so drei Euro fünfzig.

Gjirokastra in Albanien. Ziemlich schön. Solltet ihr sehen wenn ihr Albanien bereist!

Bevor ich hoch zur Burg laufe, verquatsche ich mich erst noch eine halbe Stunde mit einem Pärchen aus Tübingen. Die sind mit ihrem Hymermobil aus den 80ern unterwegs nach Griechenland, und nehmen sich einige Tage Zeit für Albanien.

Den Weg hoch zur Burg erleichtert eine detaillierte Karte mit allen Informationen zu Gjirokastra, die mir ein nettes Mädchen am Ortseingang in die Hand drückt. 200 LEK will sie dafür. Dazu gibt es alle notwendigen Informationen zum Ort, in perfektem Englisch. I like.

Wir mussten alle mithelfen, aber am Ende hat er da durchgepasst!

Ich verbringe fast drei Stunden in Gjirokastra. Der Ort ist einfach toll. So schön habe ich mir Albanien nicht vorgestellt. Falls ihr also mal nach Albanien wollt, schreibt das auf Eure Liste!

Sehr alt. Aber unglaublich akkurat gemauert.

Als nächstes Zwischenziel steht Syri i Kaltër auf dem Programm. Dort gibt es das bekannte “Blue Eye” zu sehen. Vor Ort entpuppt sich das Blue Eye als unterirdische Quelle eines Flusses, welche pro Sekunde über sechs Kubikmeter Wasser zu Tage befördert. Es gab wohl bereits einige Versuche, zum Ursprung der Quelle zu tauchen. Circa fünfig Meter tief sind Taucher bisher gekommen. Da war das Ende noch nicht erreicht. Aktuell weiß niemand, wie tief die Quelle wirklich ist.

Auch hier wird Eintritt verlangt. 100 LEK pro Fahrzeug und 50 LEK pro Passagier. Der nette Kassierer an der Einfahrt hat so Mitleid, weil niemand mit mir mitreist, dass er nur 100 LEK verlangt. Ich gebe ihm trotzdem 150, und er steckt die 50 LEK ein. Wenn die Masche 20x pro Tag funktioniert, dann ist das ein Nebenverdienst in Höhe eines albanischen Monatsgehaltes für ihn. 😉

Endlich wieder Schotterstraßen. Leider mit Gegenverkehr.

Es trennen mich nun noch drei Kilometer vom blauen Auge. Die Straße ist nicht asphaltiert, und ich bin schon recht froh darüber, mit einem Allradfahrzeug zu reisen. Am Blue Eye angekommen, bin ich dezent enttäuscht. Es ist halt einfach ein blauer Fleck in einem Weiher, mit ungefähr fünf Meter Durchmesser. Damit man es nicht übersieht, wurden Schilder mit einem Pfeil aufgestellt.

Nachdem ich den blauen Fleck im See gsehen habe, mache ich direkt kehrt und fahre zurück.

Das Blue Eye. Da wo es dunkelblau ist, ist das Wasser tief.

Mindestens einhundert (100!) andere Touristen stehen staunend vor dem Tümpel, machen Fotos, Selfies und Videos. Ich habe vorhin nochmal kurz gegoogelt, ob mir der tiefere Sinn dieser Sehenswürdigkeit entgangen ist. Mir scheint nicht so. Ihr braucht nicht traurig sein, wenn ihr mal in Albanien seid und es nicht zum Blue Eye schafft.

Die gewonnene Zeit könnt ihr besser investieren, beispielsweise durch einen Besuch von Butrint. Angeblich haben sich seinerzeit, also vor gut 3.000 Jahren die überlebenden Einwohner Trojas niedergelassen. Nachdem in Troja die Sache mit dem Pferd passiert war, ihr wisst schon.

Unterwegs nach Butrint. Einmal mehr ist der Weg das Ziel.

Auch der Zutritt zur historischen Anlage in Butrint kostet Eintritt, Stand 2019 sind es 700 LEK. Ich war ein wenig überrascht, das sind umgerechnet ja doch um die sechs Euro.

Nachwirkend betrachtet ist die Höhe des Eintritts definitiv gerechtfertigt. Der Umfang der Ausgrabungen ist immens, man läuft locker eine Stunde in einem gut angelegten Rundweg über die Anlage. Im Eintrittspreis ist außerdem der Zutritt zum Museum enthalten. Für mich war es das beste, modernste und am schönsten aufbereitete zeitgeschichtliche Museum, das ich jemals besucht habe.

Butrint. Definitiv eine Reise wert.

Für Strandurlauber in Albanien, denen der Weg nach Gjirokastra zu weit ist, bietet sich Butrint auf jeden Fall an.

Mittlerweile ist es nach fünf Uhr Nachmittags und ich trete den Rückzug in die Basis an. Nachdem ich den Subie im Hotel abgestellt habe, organisiere ich mir in der Stadt noch etwas zu Essen. In meinen elf Reisetagen esse ich zum fünften Mal Tintenfisch. Danach bleibe ich noch in einer Bar hängen, und diskutiere mit dem Barkeeper mit Händen und Füßen, ob Caipirinha oder Caipiroska besser schmeckt.

Der beste Tintenfisch meines Lebens. Im Hintergrund der fünftbeste Cesars Salad meines Lebens.

Irgendwie sind die Albaner schon cool. Sie sind freundlich, hilfsbereit und offen. Als ich heute in Gjirokastra war, hat mich ein Albaner angesprochen, wie mir denn sein Land so gefällt. Wir haben uns einige Minuten auf Englisch unterhalten, und uns mit einer Umarmung verabschiedet. So selbstverständlich als würden wir uns schon ewig kennen.

Später, als ich im Museum unterwegs bin, treffe ich ihn erneut. Ich bin gerade am Gehen, er läuft mir hinterher, meint “come, come!” und nimmt mich am Arm zurück ins Museum.

Ihm war anscheinend aufgefallen, dass ich an einer geschlossenen Tür vorbgeigelaufen bin. Dahinter wäre doch der interessanteste Teil des ganzen Museums. Tatsächlich befindet sich dort ein weiterer Trakt des Museums mit einem weit verzweigten Gefängnissystem. Für mich sah die Tür aus wie der Zugang zu einem privaten Bereich, ich hätte nicht hineingesehen.

Ein Teil des Gefängnistraktes.

Diese Situation beschreibt schön, wie ich so viele Menschen in diesem Land erlebe.

Ich bin nun zurück im Hotel und tippe gerade diesen Bericht hier. Morgen geht meine Reise weiter nach Montenegro. Ich will das Kloster Ostrog besichtigen. Bis dorthin sind es knapp acht Stunden Fahrt. Bisher weiß ich nicht, über welche Route ich dorthin komme. Ich habe noch kein Hotel gebucht, und auch noch keine Bleibe in Aussicht. Das Kloster ist in einen Berg gebaut, irgendwo im Hinterland Montenegros, zwischen Podgorica und Niksic.

Mal sehen, wo mich die Straße morgen Abend ausspuckt.

Irgendwie ein besonderer Flecken Erde dieses Albanien. Ich werde wiederkommen.

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