11. Juli 2019 – Tag 10 – Meine ersten Kilometer Albanien

Tag 10. Irgendwie fühlt es sich bereits an wie sechs Wochen. Ich erlebe alle Momente derart intensiv, dass ich mich schon fast wie ein Aussteiger fühle. Ausnahmsweise werde ich heute früh wach. So gegen sieben. Ich will schnell zum Frühstück, weil ich danach, also vor dem Auschecken aus dem Hotel, nochmal in dieses Flussbett wandern will. Diesmal aber mit passender Kleidung. Ich will wissen, was hinter der nächsten Flußbiegung kommt. Da bin ich gestern wegen meinem Rucksack gescheitert.

Ich frühstücke schnell das obligatorische Marmeladenbrot. Der Kaffee schmeckt genauso wässrig wie gestern, ganz hart an der Grenze zu ungenießbar.

Gleich nach dem Frühstück fahre ich erneut zu den Acheron Springs. Mit Badehose und Shirt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Jedoch, mein Plan ist nicht bis zum Ende durchdacht. Auch wenn ich alles im Auto lasse, habe ich ja immer noch: Den Autoschlüssel.

Nun fahre ich ja leider keinen Golf 2, und in meinem Fahrzeugschlüssel ist mehr Elektronik verbaut, als zur Landung auf dem Mond notwendig war. Einen wasserdichten Beutel habe ich natürlich auch nicht.

Ich will aber auch nicht unverrichteter Dinge zurück. Also laufe ich trotzdem los, und beschließe, den Schlüssel zur Not über Kopf zu halten, bis 1,80 Meter Wassertiefe ist alles machbar.

Zielstrebig laufe ich zum Fluß, den Weg kenne ich ja von gestern noch. Knapp 20 Minuten später bin ich an der Stelle, an der ich gestern zum Aufgeben gezwungen war.

Heute komme ich genau drei Meter weiter. Dann sinkt der Grund des Flussbettes schlagartig von einmetervierzig auf geschätzte zweimeterfünzig ab. Den Schlüssel irgendwo deponieren finde ich auch eine schlechte Idee.

Der langen Rede kurzer Sinn: Erneut bin ich nicht bis zum Ende des Wanderweges gekommen. Dafür habe ich die frische Luft am Morgen und das kühle Wasser genossen.

In Ermangelung einer Fotokamera ein Archivbild von gestern. Ab der Mitte wird das das Wasser enorm tief.

Zurück im Auto fahre ich ins Hotel, mache mich reisefertig und begleiche die Rechnung. Meine heutige Route führt mich lediglich circa 150 Kilometer in den Norden, ins albanische Saranda.

Ich bin schon sehr gespannt, weil in Albanien war ich bisher noch nicht. Viele meiner Bekannten haben mir davon abgeraten. Von Gefahr, Mafia, Schutzgeld und Krieg war die Rede. Vermutlich bin ich fünfhundert Meter nach der Grenze einfach tot.

Auf dem Weg in den Norden mache ich noch einen kurzen Abstecher nach Igoumenitsa. Nicht, weil ich die Stadt so sehenswert finde, sondern weil ich unbedingt einen Geldautomaten brauche. Und in Griechenland spuckt der Scheinwerfer eben Euro aus, in Albanien würde ich nur Lek bekommen. Ich quäle mich also durch den zähen Verkehr am Hafen von Igoumenitsa, finde recht schnell eine Bank und einen Parkplatz direkt davor.

Direkt voraus: Der Hafen von Igoumenitsa. Kaiserwetter wie immer!

Die wiedergewonnene Liquidität feiere ich mich einem Kaffee, direkt zwischen dem Geldautomaten und meinem Auto.

Nun muss ich ja irgendwie wieder aus diesem Igoumenitsa hinaus, und mein japanisches Navigationsgerät hat die irrsinnige Idee, mich über eine schmale Landstraße direkt an der Küste nach Norden zu navigieren. Genau so mag ich das. Entsprechend lande ich irgendwann, mitten im Nirgendwo, an einem griechischen Grenzposten. Das ist die erste Grenze seit Jahrzehnten, bei der man nicht mit dem Auto an ein Grenzhäuschen heranfährt und seinen Ausweis zeigt. Nein, man muss parken und ins Zollgebäude laufen, den Schalter suchen und sein Anliegen (die Ausreise) vorbringen.

Der Beamte ist sichtlich genervt dass ich kein fließendes griechisch spreche, und schickt mich mit einem “OK OK, go go!” nach draußen, ich möge passieren. Somit ist die Ausreise aus Griechenland erfolgreich erledigt.

Einige hundert Meter weiter erwartet mich die albanische Grenze. Dort gibt es einen Hinfahr-und-Ausweis-hinaushalt-Grenzposten. Die nette englischsprechende Frau benötigt auch noch alle Unterlagen zum Fahrzeug, und studiert meine grüne Kfz-Versicherungskarte sehr genau.

Falls ihr selten mit dem Auto über die Ländergrenzen hinauskommt: Spätestens wenn ihr die EU verlasst, braucht ihr diesen dreifach gefalteten, grünen DIN A4 Zettel eurer Autoversicherung. Dort können die Beamten herauslesen, ob Euer Fahrzeug in dem jeweiligen Zielland auch korrekt versichert ist.

Bei mir ist alles in Ordnung, der Schlagbaum geht nach oben, und ich rolle erstmals auf albanischem Asphalt. Die Straße in Richtung Saranda ist erstaunlich gut. Kaum Schlaglöcher, allerdings auch keinerlei Fahrbahnmarkierung. Ich fahre einfach auf einem breiten, dunkelgrauen Asphaltband. Ob das nun zwei, drei oder gar vier Fahrspuren sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Es ist außerdem sowieso kaum Verkehr.

Mitten in Albanien. Alles halb so wild. Und jeder zweite fährt Mercedes.

Offiziell darf man in Albanien außerorts 80km/h schnell fahren. Die albanischen Behörden stellen jedoch einfach überall 40km/h Schilder auf. Auch auf dreizehn Meter breiten, kilometerlangen Geraden. Da fährt dann natürlich niemand vierzig (auch selten achtzig), und die Verkehrspolizei hat damit ein gesichertes Einkommen.

In Albanien an jeder Ecke verfügbar: Fast-Food Läden, Tankstellen und Mercedes.

Nach knapp einer Stunde Fahrt erreiche ich Saranda. Das merke ich am schlagartig dichter werdenden Verkehr. Und am Ortsschild. Mein Hotel finde ich schnell und ohne große Umwege. Den Rest des Tages lege ich zu Fuß zurück. Ich muss das Land erst einmal versuchen zu verstehen, und die Autofahrer vom (halbwegs) sicheren Gehsteig aus studieren. Wie sie fahren, was die lokalen Gepflogenheiten sind, und wie man sich beim Fahren möglichst unsichtbar macht.

Was ich bisher gelernt habe: Die Albaner fahren immer zu schnell. Gehupt wird auch ohne erkennbaren Grund. Jeder Zweite, und das ist nicht übertrieben, fährt Mercedes.

Den Rest des Tages verbringe ich mit Essen, Trinken, am Strand liegen und erneutem Essen. Dazwischen beobachte ich noch die vor dem Hafen ankernde MSC Musica, wie die Crew den ganzen Nachmittag über mit vier Tenderbooten ca. zweitausendfünfhundert Passagiere von der Anlegestelle zum Schiff verbringt.

Die Kreuzfahrtindustrie ist auch so ein eigenes Thema. Unglaublich wie das alles im Moment explodiert, Hafenstädte mit Touristen überquellen, und der Umwelt fragwürdiges angetan wird.

Blick vom Hotel auf die MSC Musica. Jaaa, ich höre euch jetzt alle: “Was, das ist Albanien?” 😉

Abends lerne ich an der Hafenpromenade noch ein paar Deutsche kennen, wir kommen ins Plaudern und laufen am Meer entlang. Am Ende bin ich einen Kilometer an meinem Hotel vorbeigelaufen, verabschiede mich, drehe um, laufe zurück, und tippe nun diese Zeilen.

Morgen will ich mir unter anderem das Blue Eye ansehen, die Reste der antiken Stadt Butrint, und noch irgendein Kloster, das im Internet empfohlen wurde, und dessen Namen ich vergessen habe. Und die Stadt der 1000 Stufen, aber auch da weiß ich den Namen nicht mehr. Die Auflösung gibt es dann Morgen.

Wie in jedem Hotel ist auch hier sichergestellt, dass der Subie einen gemütlichen Stellplatz hat.

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