Vom Wald nach Nürnberg

…oder “Die Nacht der langen Messer – Episode 1“.

Ich bin ja seit ca. 9 Jahren “Arbeits-Nürnberger”. In diesen neun Jahren habe ich es nicht geschafft, mich mit der Frankenmetropole anzufreunden, sodaß ich pünktlich am Freitag nach Dienstschluß die Heimreise in den Bayerischen Wald zu Weib und Bier antrete.
Aufgrund der momentanen Baustellensitutation auf der Autobahn A6 Amberg-Nürnberg, bin ich geradezu gezwungen, die Rückreise bereits Sonntag Abend anzutreten, da ich andernfalls jeden Montag zu spät in die Arbeit kommen würde.

So lief das ganze auch gestern. Um ca. 23:30 Uhr habe ich die Rückreise nach Nürnberg angetreten. Knapp 10 Kilometer nach Abfahrt dann der erste unplanmäßige Stop:

Ein Fahrzeug steht auf der falschen Fahrbahnseite – nämlich Meiner – und der Fahrer betätigt die Lichthupe, als wolle er Morsezeichen üben. Da ich das Hindernis nur schwerlich umfahren kann, werde ich praktisch genötigt, meine Weiterfahrt zu unterbinden.
Justament als mein Sportbolide zum Stillstand kommt, springen drei finstere Gestalten aus dem Fernlichtwagen – der Fahrer bleibt sitzen. Mein erster Gedanke gilt der seit Fahrtantritt abgesperrten Zentralverriegelung – sollte sich nun einer der drei Burschen an meinem Türgriff zu schaffen machen, würde ich in Sekundenbruchteilen die Weiterfahrt einleiten – der entsprechende Gang ist bereits eingelegt.

Nun, nichts passiert. Die 3 Männer postieren sich vor meinem Fahrerfenster, welches ich dann leichtfertiger Weise – und hauptsächlich aus angeborener Neugier einen winzigen Spalt öffne. Sodann wird mir in lustigem Englisch klargemacht, dass der Herr am Steuer des Wagens den Weg nach St. Englmar nicht kenne. Ein kurzer Blick zum Fahrzeug zeigt mir ein russisches Kennzeichen an einem ziemlich neuen Mercedes Benz E55 AMG T-Modell. Und tätsächlich, wir stehen 200m vor einer Kreuzung und die nach St. Englmar führende Straße ist gesperrt.

Im Folgenden versuche ich ca. 10 Minuten den Herrschaften die Alternativroute zu Ihrem Ziel zu erläutern. Abwechselnd reden die drei russischen Männer auf mich ein, fachsimpeln untereinander, werfen sich und mir fragende Blicke zu, und scheinen ungläubig meiner professionell beschriebenen Fahrtroute zu sein.

Dann meint plötzlich einer der Herren: “Oh, I think now I know how we can drive”. “Gottseidank” schießt es mir als erstes durch den Kopf. Dann der Nachsatz des Russen: “What do you think, should we activate our GPS?

ARGL! Die haben ein Navi?

Natürlich haben die ein Navi. Es wäre mir nicht bekannt, einen aktuellen E55 AMG ohne Routenplaner erstehen zu können!
Ich habe ihm daraufhin erklärt, dass es durchaus Sinn macht, das Navigationssystem zu aktivieren, so man den Luxus genießt, ein solches im Fahrzeug zu haben.

Der Hauptredner der drei Burschen versuchte das ganze noch mit “That’s a crap. It fucked up three times on german roads” zu beschwichtigen. Abschließend haben sich alle drei noch mehrmals bei mir bedankt, um danach blitzschnell im Mercedes zu verschwinden, dessen Fahrer Sekundenbruchteile später mit Vollgas den Ort des Geschehens verließ.

Danach habe ich sicher noch 30 Minuten überlegt, wo jetzt der Haken an der Sache gewesen sein könnte. Wurde ich durch die Schweißdünste des einen mit einem radioaktiven Gas verseucht? War das ganze ein Ablenkungsmanöver während unterdessen meine komplette Verwandschaft nach Nowosibirsk entführt wurde? Wahrscheinlich waren es einfach vier wirklich nette, aber verzweifelte Männer, die seit was weiß ich wievielen Kilometern auf der Straße sind, und einfach nur ins Hotel wollten. Schade dass man in unserer Welt von Hause aus zu viele Vorurteile haben muss!

to be continued…

Vom Wald nach Nürnberg
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