Soll ich oder will ich?

Die ewige Krux der gesellschaftlichen Konventionen

Wann habt ihr das letzte Mal in Eurem Leben bewusst innegehalten und Euch gefragt: „Soll ich dieses oder jenes in diesem Moment tun (weil es die gesellschaftliche Konvention, mein Partner, mein Nachbar, mein… von mir erwartet) oder will ich (aus eigener, tiefer Überzeugung heraus) etwas tun?“

Ich gebe zu, ich stelle mir diese Frage des Öfteren, jedoch ohne im Anschluss daran nach Antworten zu suchen. Entweder passt die Frage nicht in mein zeitliches Gefüge, meist jedoch laufe ich so in meinem Hamsterrad des Alltags und des Scheins, dass ich die Frage sofort wieder bei Seite schiebe.

Typische Fragen des „Soll ich oder will ich?“

Brauche ich ein neues Auto?

  • Weil ich meinen Nachbarn zeigen will dass ich es mir leisten kann
  • Weil ich mein Selbstwertgefühl über Aussehen, Alter und Wert eines Kraftfahrzeugs definiere
  • Weil es sich so schickt, von Zeit zu Zeit das Auto zu wechseln
  • Weil ich es aus der Vergangenheit gewohnt war, alle 3 Jahre das Auto zu wechseln
  • Weil meine Freunde und Bekannten alle neuere, leistungsstärkere, moderne Autos fahren

Oder ist einfach alles gut so, wie es ist. Ist es vielleicht sogar so, dass ich mein altes Auto sehr gerne mag, auch wenn es teurer, defektanfälliger und zickiger ist als ein Neuwagen. Ist mein Auto eventuell sogar ein Spiegelbild meines Charakters, meiner Persönlichkeit und meiner Einstellung zum Leben?

Will ich ein großes, repräsentatives Einfamilienhaus in bester Lage mit Garten?

  • Damit ich zeigen kann, dass ich mir ein so großes Haus leisten kann
  • Damit ich genügend Platz für unzählige Dinge habe, die ich präsentieren und anhäufen kann
  • Damit jeder der meine Adresse kennt, sofort auf meinen sozialen Status schließen kann
  • Damit ich das vorlebe, was mir die Gesellschaft als perfekt und glücklich suggeriert
  • Damit ich mir selbst etwas beweise

Oder bin ich eigentlich mit weniger Platz, und weniger Möglichkeiten, unnütze Dinge anzuhäufen viel glücklicher? Mit der Tatsache dass ich ohne Zuhilfenahme einer Reinigungskraft meine eigenen vier Wände sauber halten kann. Ist Übersichtlichkeit nicht zugleich eine Form der Befreiung?

Muss mein Bücherregal immer voller werden?

  • Damit jeder Besuch sieht, wie „gebildet“ ich bin?
  • Damit ich mich vor dem Regal selbst ergötzen kann
  • Damit ich meine Verlustängste kompensiere, einmal angeschafftes nicht wieder zu verlieren

Oder sollte ich mir lieber die Frage stellen, wie viele dieser Bücher ich wirklich ein zweites Mal lesen werde? Ob ich mir die Anschaffung des nächsten Bücherregals nicht sparen kann, indem ich mich von einem Teil meiner Bücher trenne? Ob ich nicht anderen eine Freude damit mache, bereits gelesene Bücher weiterzugeben, anstatt Sie im Regal einstauben zu lassen?

Muss ich wirklich etwas „sammeln“?

  • Um den menschlichen Urtriebs des Jagen und Sammelns gerecht zu werden
  • Um einen stoischen Ausgleich im Trieb des Hortens ähnlicher oder artverwandter Dinge zu finden
  • Um andere Menschen mit meiner Sammlung zu beeindrucken

Viele dieser selbstgestellten Fragen und Überlegungen münden in Ihrer Antwort in den Lebensstil des Minimalismus, also die bewusste Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft.

In den letzten Wochen habe ich mich eingehender mit Fragen dieser Art beschäftigt, und ganz bewusst das Thema Minimalismus mit meiner momentanen Lebenseinstellung abgeglichen. Gleich vorweg, ich bin weit davon entfernt, minimalistisch zu leben. Wobei angemerkt werden sollte, dass das Abschwören vom Konsumüberfluss nicht per se definiert ist.

Ein paar Beispiele die ich an mir selbst, und in unserem Haushalt festgestellt habe:

Unser Haus hat 125qm Wohnfläche, dazu gehört ein Garten mit weiteren 142qm Fläche. Gut, wir sind aktuell nur zu zweit, also die typischen, in dieser Generation immer gerne belächelten DINKs (Double Income No Kids), trotzdem sind meine Lebensgefährtin und ich der Meinung dass unsere Wohnsituation sowohl zu zweit als auch zu dritt oder zu viert vollkommen ausreichend ist. Ein größeres Haus, mehr Fläche wäre für uns eher bedrohlich als behaglich. Mehr Platz bedeutet mehr unnütze Dinge.

Mein Auto wird im Oktober 14 Jahre alt. Es ist reparaturanfälliger als der Hauptstadtflughafen, enorm teuer in der Versicherung, es wird kontinuierlich von vielen Seiten belächelt, es verbraucht ca. 8 Liter/100km MEHR als der heute übliche Durchschnitt, aber: Ich liebe mein Auto! Und ich sehe partout keinen Grund, es gegen ein anderes/neueres/besseres/schnelleres auszutauschen.

Ich sammle gerne. Zeitlebens war ich ein Sammler. Als Kind habe ich die –überschaubare- Briefmarkensammlung meines Vaters in meine Obhut bekommen und habe alsbald mit unglaublicher Akribie die Sammlung erweitert, regelmäßig sind Taschengelder in postfrische Serien investiert worden, neue Alben wurden gekauft et cetera pp.
Modellautos waren meine zweite Sammelleidenschaft. In Hochzeiten waren es zwischen 250 und 300 Autos und LKWs, von vielen habe ich mich zwischenzeitlich wieder getrennt. Mittlerweile bin ich bei 10 wirklichen Schätzen angekommen, und habe kürzlich festgestellt: Auch diese verbliebenen 10 Modelle sind definitiv „nice to have“, aber sie bringen mich weder in regelmäßige Verzückung, noch kann ich ihnen sonst einen besonderen Wert abgewinnen, außer der Tatsache dass sie mehr oder minder regelmäßig von Staub befreit werden wollen. Deshalb habe ich mich in der letzten Woche dafür entschieden, die Zahl von 10 auf 3 zu reduzieren, und biete momentan den Großteil in einem Online-Auktionshaus feil. Auch das fühlt sich ein wenig nach Befreiung an, gepaart mit der Tatsache, jemand anderem (dem potentiellen Käufer) eine Freude machen zu können. Von der anderen Warte aus betrachtet bin ich eventuell dafür verantwortlich, den zukünftigen Eigner noch weiter in eine Abhängigkeit der Sammelleidenschaft zu drängen, doch so ist jeder seines eigenen Glückes Schmied.

Worauf will ich mal wieder hinaus?

Denkt mal in einer ruhigen Minute darüber nach, wo ihr in Bezug auf Euren Besitz und Eure Ziele im Leben steht.

  • Macht Besitz über die Maßen wirklich glücklich?
  • Wer definiert eigentlich das korrekte Maß (ihr selbst oder „die anderen“)?
  • Lebt Ihr so wie es euch die Gesellschaft doktriniert oder nur so wie ihr Euer Leben gestalten wollt?
  • Ist alles in Eurem Haushalt für Euch unverzichtbar?
  • Beim Verlust welcher Dinge wärt ihr wirklich nachhaltig geknickt oder unglücklich?
  • Wie kann bei Euch ein Bedürfnis geweckt werden? (Werbung, der Nachbar hat das auch, …)

Wie ich bereits eingangs erwähnt habe, bin ich weit davon entfernt, den Minimalismus zu predigen oder gar konsequent danach zu leben. Nur habe ich zu schätzen gelernt, wie befreiend das Loslassen materieller Dinge bzw. der wahrhaftig bewusste Umgang mit Materialismus sein kann.

Probiert es aus, und wenn ihr mögt, schreibt mir Eure Erfahrung und Meinung in einem Kommentar! 🙂

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