Herr F. fährt Auto
In den Tiefen meiner Festplatte habe ich heute ein Word-Dokument aus den frühen 90er Jahren wiederentdeckt, es heißt “Herr F. fährt Auto”. Es geht dabei um einen, ich will mal sagen typisch deutschen Autofahrer, vorurteilsfrei und rücksichtsvoll dass er Seinesgleichen sucht
Genug philosopiert, lest einfach selbst über Herrn F. und seine Einstellung zum Autofahren:
Herr F.
Herr F. ist ein ganz normaler Autofahrer. Seinen Führerschein hat er 1958 gemacht, im März 1960 hatte er einen kleinen Auffahrunfall, von dem er heute noch manchmal erzählt. Seitdem fährt er unfallfrei und ist mächtig stolz darauf. Anfangs fuhr er einige Käfer, zwischendurch einen Kadett, seit 1976 Golf. Auf den schwört er. Was Autos betrifft, kann Herrn F. nämlich niemand etwas vormachen. Alle zwei Jahre tauscht er seinen Golf gegen einen neuen. Jetzt überlegt er, ob er nicht auf den Audi A4 umsteigen soll. Der A3 hat ihm nie gefallen.
Einmal war er mit einem Bekannten beim BMW-Händler. “Tag der offenen Tür”, da stand der neue Dreier. Aber ein BMW käme für Herrn F. nie in Frage. Man weiß ja, was für Typen BMW fahren: Drängler: Herr F. ist kein Drängler.
Nein, Herr F. ist kein Drängler. Er fährt immer genau nach Tempolimit. Dabei ist es ihm egal, ob vor ihm ein anderes Auto langsamer oder hinter ihm eines schneller fährt als er.
Das schnellere Auto hinter ihm ist sowieso meist ein BMW, der soll ruhig warten. Raser!
Wenn der Fahrer die Lichthupe betätigt, oder – nach Meinung von Herrn F. – zu dicht auffährt, lässt er ihn noch ein wenig länger warten. BMW-Fahrer fahren sowieso immer zu dicht auf, findet Herr F.
Audi-Fahrer lässt er sofort vorbei. Die findet er gut, denn die fahren “zügig”. So wie er. Nicht so “aggressiv” wie BMW-Fahrer, sondern mit dezent eingeschaltetem Standlicht und Nebelscheinwerfern. Wenn Herrn F.s Golf Nebelscheinwerfer hätte, würde er auch mit Nebelscheinwerfern fahren.
Wenn vor Herrn F. ein Auto langsamer fährt als erlaubt, würde er trotzdem nie drängeln. Jedenfalls nicht, wenn es ein Audi oder VW Passat ist, und schon gar nicht bei einem “Daimler”. Einem kleinen Renault oder Toyota fährt er natürlich dichter und immer dichter auf, nur so, damit deren Fahrer überhaupt mitkriegen, dass sie den Verkehr behindern. Das ist schließlich kein Drängeln, sondern quasi Notwehr. Das sind nämlich “Bummler”. Überhaupt, fragt sich Herr F., was haben ausländische Kleinwagen auf der Überholspur zu suchen? Ein ausländisches Auto, nein, das käme ihm nie in die blitzblank geputzte Garage. Was sollten denn da die Nachbarn von ihm denken! Ein Golf ist eben deutsche Wertarbeit.
Einmal ließ Herr F. einen Drängler vorbei. Das passiert ihm aber nie wieder. Es war ein Versehen: Herr F. fuhr wie immer zügig mit 160km/h dahin – schneller braucht ohnehin niemand zu fahren, wer schneller fährt, ist ein verantwortungsloser Raser. Da sah Herr F. zufällig, man möchte fast sagen: irrtümlich, in den Rückspiegel und erschrak dermaßen über eine von hinten heranfegende E-Klasse, dass er sozusagen reflexartig die Überholspur räumte. Gott sei Dank war Platz genug, das letzte Auto hatte er vor gut acht Kilometern überholt.
Aber was sagt man zu solcher Rücksichtslosigkeit? Der “Daimler” hatte gut 200 drauf. Was da alles hätte passieren können, besäße Herr F. nicht so viel fahrerische Routine und hätte er nicht so flott reagiert.
Herr F. hat dem Rowdy natürlich eine Lichthupensalve hinterhergeschickt, dass der wahrscheinlich ganz zerknirscht war über sein Fehlverhalten. Geschieht ihm nur recht. Man muss manchmal auch erzieherisch wirken im Straßenverkehr, man hat ja auch eine Verpflichtung den jungen Leuten gegenüber, besonders wenn man so erfahren ist und schon so lange so gut Auto fährt wie Herr F. Gerne lässt er andere an seinem Können teilhaben, Herr F. ist da großzügig. Dass seine Tochter behauptet, er sei ein sturer Besserwisser, stelle im Straßenverkehr eine Gefahr für andere dar und glaube wohl, der Blinkerhebel in seinem Golf sei ein bestenfalls dekoratives Element, sonst aber eher nutzlos, führt Herr F. auf die Unerfahrenheit seiner 40-jährigen Tochter zurück. Was wissen die Jungen denn schon vom Autofahren.
Den ein oder anderen “Herrn F.” kenne ich auch!
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